Wie künstliche Intelligenz Alltag und Industrie verändert

Künstliche Intelligenz erobert den Alltag. Sprachassistenten möchten uns das Leben erleichtern, Autos lernen das autonome Fahren und in nicht allzu ferner Zukunft könnten die ersten Drohnen ganz ohne Pilot Passagiere ans Ziel bringen. Weniger bekannt ist, dass künstliche Intelligenz auch in der Industrie Einzug hält.

© Wolfram Scholl

Auf der weltgrößten Messe für Unterhaltungselektronik CES in Las Vegas drehte sich im Januar vieles um künstliche Intelligenz. Ob Alexa, Google oder Siri: Die virtuellen Assistenten der großen Player im IT-Geschäft lassen mit sich reden, sie überwachen das smarte Zuhause, helfen beim Telefonieren, versenden Nachrichten oder spielen auf Zuruf die Lieblingsmusik des Anwenders. Überall in der Metropole in Nevada leuchteten Werbetafeln mit dem Schriftzug „Hey Google“. Aus Sicht vieler Kunden ist künstliche Intelligenz ein nützlicher Helfer im Alltag, für andere hingegen sind solche Assistenten zumindest im Moment noch eine nutzlose Spielerei.


Amazon Echo hört auf den Namen Alexa und spricht mit dem Benutzer

  Amazon Echo „Alexa“ - Selbst in vielen privaten Haushalten hat die künstliche Intelligenz schon Einzug gehalten


Gefahr durch künstliche Intelligenz?

Kritiker befürchten sogar, dass künstliche Intelligenz zur Gefahr werden kann. Wenn sich künstliche Intelligenzen vom Menschen entkoppeln und sich selbstständig weiter entwickeln, sprechen Fachleute von „technologischer Singularität“. Ein Schreckgespenst der Zukunft? Nicht unbedingt. Bei einem Experiment des Facebook-Teams hat man zwei Bots namens Alice und Bob sich selbst überlassen. Die beiden entwickelten eine eigene Sprache, der die Menschen bald nicht mehr folgen konnten. Sicherheitshalber wurde der Versuch abgebrochen. Aktuell gibt es aber keine Alarmsignale, dass Siri und Alexa die Weltherrschaft an sich reißen möchten.


Airliner: Neue Herausforderungen durch neue Materialien

Auch in anderen Industrien hält künstliche Intelligenz Einzug, unter anderem in der Luftfahrt. Im MRO-Bereich – die Abkürzung steht für Maintenance, Repair and Operations (Wartung, Reparatur und Betrieb) – geschieht immer mehr mit Hilfe moderner Technik. Für unser Februar-Kalenderblatt war Fotograf Wolfram Schroll zu Besuch bei Airbus Innovations in Ottobrunn bei München. Das Bild zeigt eine robotergesteuerte Plasmaspritze bei der Behandlung einer Composite-Oberfläche. Mit einem Gas als Trägermedium wird eine Beschichtung aufgetragen, die in diesem Fall die Materialfestigkeit nach einer Reparatur erhöht. Zum Einsatz kommen solche Beschichtungsverfahren in ganz verschiedenen Branchen, beispielsweise auch in der Automobil- oder der Druckindustrie.


Eine robotergesteuerte Plasmaspritze behandelt eine Composite-Oberfläche

Eine robotergesteuerte Plasmaspritze bei der Behandlung einer Composite-Oberfläche - © Wolfram Schroll

 

In der kommerziellen Luftfahrt wächst der Bedarf an Composite-Reparaturen. Bei neueren Airlinern wie Airbus A350 oder Boeing 787 Dreamliner spielt die Faserverbundbauweise eine im wahrsten Sinne des Wortes tragende Rolle. Große Teile ihrer Struktur bestehen aus Kohlefaser. Dieses Material ist leicht, beständig und korrodiert nicht. Bei Fertigung und Reparatur allerdings gelten andere Anforderungen als bei der klassischen Metallbauweise. Ziel ist es, Reparaturen schnell und zielgerichtet unter Einhaltung höchster Qualitäts- und Sicherheitsstandards möglichst direkt am Flugzeug direkt auszuführen. Airlines und Fachbetriebe investieren entsprechend in neue Arten von Wartung und Reparatur. Lufthansa Technik kooperierte im Rahmen eines Projekts namens CAIRE (Composite Adaptable Inspection and Repair) mit weiteren Unternehmen. Ein mobiler Roboter stellte dabei seine Fähigkeit unter Beweis, bis zu einem Quadratmeter große Composite-Flächen am Flugzeug zu reparieren. Bis zu 60 Prozent Zeitersparnis gegenüber konventionellen Methoden sollen so möglich sein. Das Projekt CAIRE ist zwar zwischenzeitlich ausgelaufen, doch die Entwicklungen, um Reparaturen zu automatisieren, gehen weiter. Um die Verarbeitung von CFK auf höchstem Niveau geht es beispielsweise in Norddeutschland: In Stade steht das CTC (Composite Technology Center), einer der führenden Standorte in Sachen Composite-Technologie. Das Unternehmen ist Bestandteil des Airbus-Konzerns.


 Vollautonomer Roboter der Airbus Robotics Division

Auch Airbus entwickelt Roboter, die vollautonom Situationen bewerten können und Lösungen finden - © Airbus SAS 2017 – All rights reserved.


Bei Boeing setzen Roboter die Niete

Auch bei konventionellen Fertigungstechniken ist die Zeit nicht stehen geblieben. Ende 2015 führte der US-Flugzeugbauer Boeing für die in Metallbauweise hergestellte 777 ein neues Verfahren ein: Die Rede ist von "Fuselage Automated Upright Build”. Zuvor hatten die Mitarbeiter für jeden Rumpf des Widebody-Jets jeweils 60.000 Niete von Hand gesetzt. Eine anstrengende Arbeit, die der Gesundheit der Mitarbeiter nicht gerade zuträglich war. Jetzt erledigen Roboter den ungeliebten Job. Jeweils zwei von ihnen arbeiten in Paaren und setzen die Niete gemeinsam – einer im Rumpf, einer von außen. Die Roboter bewegen sich eigenständig durch die Produktion und machen dort weiter, wo Menschen die Vorarbeit geleistet haben. So lassen sich mehr Flugzeuge in kürzerer Zeit für weniger Geld herstellen.


 
 

Bei Boeing nehmen Roboter den Mitarbeitern ungeliebte und ungesunde Arbeiten ab


Stromnetze werden intelligent

Der IT-Spezialist IBM and the technology company, ABB, haben im Frühjahr 2017 ihr Know-how gebündelt, um gemeinsam im Umfeld der künstlichen Intelligenzen zu punkten. IBM hat Erfahrung in den Bereichen künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen, ABB verfügt über Branchenwissen und ein Portfolio an digitalen Lösungen in verschiedenen Industriesegmenten. Bei einer der ersten gemeinsam präsentierten Lösungen geht es um Smart Grids, also um intelligente Stromnetze.


In der Luft und auf der Straße: Werden Menschen überflüssig?

Auch in der Automobilindustrie spielt künstliche Intelligenz eine immer wichtigere Rolle. Auf der CES stellte der Stuttgarter Autobauer Daimler einen Assistenten vor, der auf den Zuruf „Hey Mercedes“ dem Fahrer zur Seite steht. Doch das ist nur ein erster, kleiner Schritt auf dem Weg zum eigentlichen Ziel, dem autonomen Fahren. Gleiches gilt für die bereits heute üblichen Helfer wie Abstandswarner, Tempomat oder Brems- und Spurhalteassistent.

Geht es ums komplett autonome Fahren, bekommen die etablierten Automobilhersteller ordentlich Konkurrenz von IT-Firmen wie Google, Apple und Co. Diese Unternehmen haben in Sachen Datenverarbeitung und künstliche Intelligenz die Nase weit vorn. Schließlich müssen autonome Autos allein navigieren, Hindernisse erkennen und Verkehrsregeln beachten – und Entscheidungen treffen, die über Leben und Tod von Menschen entscheiden können. Geschlagen geben möchten sich die alt eingesessenen Autobauer aber nicht. General Motors, beispielsweise plant für 2019 die Markteinführung automatischer Taxis.


Tesla Model S

Tesla Model S – Tesla nimmt auf dem Gebiet des „autonomen Fahrens“ eine Vorreiterstellung ein


Einen ähnlichen Trend zur Autonomie gibt es in der Luftfahrt. Autopiloten sind in kleinen und großen Flugzeugen längst selbstverständlich. Unbemannte Fluggeräte beweisen, dass sich komplette Flüge vom Start bis zur Landung autonom durchführen lassen. Doch selbst dann, wenn ein Pilot an Bord ist, ginge ohne intelligente Elektronik oft nichts mehr. Einige Fluggeräte wären ohne digitale Unterstützung nicht beherrschbar. Ein populäres Beispiel mit seinen 18 Rotoren „made in Germany“ ist der Volocopter. Nur die Elektronik kann die Kräfte so bündeln, dass am Ende eine stabile, einfach zu steuernde Fluglage dabei herauskommt. Die Vision einiger Hersteller geht noch weiter. Start-ups und etablierte Hersteller tüfteln gleichermaßen an autonom fliegenden Drohnen, die ihre Passagiere ohne Pilot ans Ziel bringen.


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